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Sommerabend

Es war einer dieser wenigen angenehm warmen Abende, die den Tag eines typisch deutschen Kurzsommers beschloß. Eine junge hübsche Frau saß entspannt in ihrem luftigen blauen Kleid am See und genoß die letzten Sonnenstrahlen. Leichter Wind streichelte ihre langen roten Haare. Mit geschlossenen Augen hörte sie die Wellen und roch den Duft des Grases.
„Ach, könnte dieser Augenblick doch ewig dauern“, dachte Michaela bei sich.
Doch just in dem Moment, als ihr dieser Gedanke kam, wurde ihre Besinnlichkeit durch den heulenden Ton einer Sirene gestört.
Die junge Frau riß die Augen auf, doch der gräßliche Lärm blieb bestehen, wollte nicht aufhören. Trotzdem brauchte sie eine Weile bis sie begriff. Als sie aber endlich vollends aus ihrem Traum erwachte, verzerrte sich ihr Gesicht zu einer ängstlichen Grimasse.
„Bombenalarm!“, durchzuckte es sie. Hastig griff sie ihren Sonnenschirm, den sie achtlos neben sich gelegt hatte.
Schnell erhob sie sich, raffte ihr Kleid hoch und lief. Panikartig rannte sie den kleinen Strand entlang, dem Schutz ihres Dorfes und dem ihres Luftschutzkellers entgegen. Dabei stolperte sie mehrmals, schlug sich die Knöchel wund und zerriß ihr Kleid. Doch darauf achtete sie nicht mehr. Auch ihren Traum hatte sie vergessen.
Jetzt ging es nur noch um ihr Leben. Ihr nacktes Leben.
© by J. Heinrich Heikamp

 

 

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